Mein bisheriges China Resume

"Eine Reise von tausend Li beginnt mit dem ersten Schritt" (Laozi)

Als ich vor 10 Jahren nach meinem Maschinenbaustudium die erste Anstellung annahme, wurde von meiner Firma etwa zum gleichen Zeitpunkt das erste Produktionswerk in China eroeffnet. Auf die fast schon obligatorische Frage des Vorstellungsgespraechs, ob ich auch 'flexibel' waere, habe ich damals natuerlich mit einem klaren "Ja" geantwortet. Wer haette damals gedacht dass ich irgendwann man die Koffer packen wuerde und nun schon das vierte Jahr in Shanghai lebe und arbeite.

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Als ich das erstemal mal ins Flugzeug nach China gestiegen bin, war mein Bild dieses grossen Landes noch etwas eindimensional, von vielen bunten Reisemagazinen und Vorurteilen ueber Asiatische Eigenarten gepraegt. Betritt man dann das erstemal Chinesischen Boden ist alles so andersartig, die Sprache, die Schriftzeichen, der Lärm, die Hektik - man ist überwältigt ! Vieles wird schnell bestätigt - die grosse Mauer und die verbotene Stadt in Beijing sind beeindruckender als erwartet, doch die Kluft der Kulturunterschiede, die benoetigte Ausdauer und Toleranz zur Bewaeltigung der Herausforderungen habe ich eher unterschaetzt. Verhaltensregeln aus Buechern erwiesen sich nach kurzer Zeit als veraltet oder falsch interpretiert.

Schnell war ich klar, dass ich sehr gerne in China lebe und arbeite wuerde, denn es erweiterte unglaublich meinen persoenlichen Horizont. Die Zusammenarbeit mit den Chinesischen Kollegen macht mir viel Spass, doch man muss als Europaer viele Offenheit und Flexibilitaet fuer eine oft andere Denkweise mitbringen und auch bereit sein sich dem schnellen Wandel in diesem Land anzupassen. Anderseits lassen sich viele Besucher von der Modernitaet Shanghais blenden - die Kultur und Geschichte sitzt tief verwurzelt in den Mensch und wird sich nicht von heute auf morgen aendern. Nachdem ich erstmal tieferen Einblick in die Asiatische Mentalitaet bekommen habe, hat sich meine urspruengliche Skepsis schnell gewandelt und ertappe mich immer oefters manche westlichen Werte in Frage zu stellen. In vielen Faellen gibt es kein richtiges oder falsches Handeln - ich denke wir koennen einiges von den Chinesen lernen und ich sehe da eine riesen persoenliche Bereicherung das erfahren zu duerfen. Wer sich dagegen wehrt wird schnell scheitern - wer die Herausforderung annimmt wird vom Land der Mitte begeistert sein.

Wenn ich gefragt werde, ob es sich lohnt nach Shanghai zu gehen warne ich immer davor, diesen Schritt nur aus beruflichen Gruenden zu machen. Neben dem Spass am taeglichen Job benoetigt man als Expat noch eine andere langanhaltende, treibende Kraft, wie das Interesse das Land, die Leute und deren Kultur kennenlernen zu wollen. Bei mir ist es zusaetzlich noch das Hobby der Fotografie das mir durch Chinas Motivreichtum den Aufenthalt sehr kurzweilig gestaltet.

In der Firma musste ich schnell feststellen, dass Ablaeufe die sich in Europa ueber Jahre eingeschwungen haben hier aus verschiedenen Gruenden einfach nicht funktionieren wollen. Es ist faszinierend wie man mit Chinesischen Kollegen waehrend intensiver Erklaerung der firmeninternen Ablaeufe und Dokumente ploetzlich Probleme und Fehler aufdeckt, die man vorher im Europaeischen Alltag selten hinterfragt hat. Die oft gestellten Fragen 'shen me yi si' or 'wei sha yao zhe yang' ('Was bedeutet das? Warum ist das so ?') ist fuer mich inzwischen jedesmal eine Chance auf Verbesserung.

Die Haeufigkeit von Missverstaendnissen im taeglichen Leben ist etwas zurueckgegangen - ich glaube ich denke inzwischen auch schon etwas 'Chinesischer' - doch viele Eigenarten werden mir immer ein Raetsel bleiben - sollte mich mal wieder bzgl 'Man lebt zu lange in China wenn...' pruefen.